• Are you Nazi? Part Two

     

    Teil zwei: Ab auf’s Rathaus

    Montag Morgen | 6:56 Uhr

    Um 7:00 Uhr öffnet das Bürgeramt. Ich wollte gleich da sein, weil es um 12:00 Uhr für heute wieder schließt und ich ja noch ein paar Verpflichtungen nachgehen muss. Außerdem habe ich so eine latente Angst, dass mich ähnliches Erwartet, wie auf dem italienischen Amt – was bedeutet, je früher ich da bin desto besser. Konsequenterweise hätte ich mir aber für diesen Fall vorher beim Bäcker neben an etwas zu Essen für den ganzen Tag mitnehmen sollen.
     

    7:00 Uhr

    Rein mit mir. „Schönen guten Morgen, bitte setzen Sie sich“ – Ich spüre wie mein hypothetisches Vesper aus meinem Kopf verschwindet.

    – „Hallo, ich möchte meinen Einbürgerungsantrag abgeben“
    – „Prima, dann schauen wir doch mal…“

    Als ich der netten Frau meine Unterlagen reiche, ahne ich noch nicht, was mir passieren wird.

    Konzentriert mustert sie meinen mehrseitigen Antrag und wiederholt mehrfach ein selbstbewusstes mh-hm, das mich an Pulp Fiction erinnert. Schlagartig ist das Vesper wieder da.

    – „Ja, das sieht doch sehr gut aus Herr … Biassssi! Ich denke ich habe alles, was ich brauche. Jetzt machen wir nur noch eine Kopie Ihres Ausweises.“ 

    Warum sagt sie Biassi? Da ist doch nur ein s? Als ich ihr meinen italienischen Ausweis gebe, fällt ein weiteres Dokument heraus. Meine Aufenthaltserlaubnis. Die habe ich mit 16 bekommen und es steht drauf, ich solle sie immer mitführen. (Es steht auch drauf befristet bis Unbefristet – für die unter meinen Freunden, die das nicht wissen 😉 ) Das mache ich auch tapfer, ohne je darüber nachgedacht zu haben, ob das zur heutigen Zeit überhaupt noch notwendig ist. Aber hey, ich bin im Bürgerbüro, ich kann ja fragen!

    Noch bevor ich etwas sagen kann höre ich:

    „Huch, was ist das denn?
    – „Na, meine Aufenthaltserlaubnis“
    – „Aber die gibt’s doch garnicht mehr? Sollen wir die auch kopieren?“

    Moment Mal – wer ist hier der, der auf dem Amt arbeitet?

    – „Ich weiß es nicht, sagen Sie es mir?“
    Ja ich weiß es auch nicht genau. Sollen wir es weglassen?“
    – „Kopieren Sie das Ding doch einfach. Nicht dass es nachher fehlt…“

    Sie tut, was ich sage und der Gedanke überkommt mich, ob es eine versteckte Kamera gibt oder ob ich in einem Kafka-Werk bin.

    – „Ähm, ja ich habe da noch eine Frage: Hier auf Seite 4 steht >>Ich bin bereit, meine bisherige Staatsbürgerschaft, sofern notwendig, aufzugeben. Ja / Nein (wenn nein, bitte Gründe nennen)<<„
    – „Aha“
    – „Ehrlich gesagt, bin ich etwas unsicher, was ich angeben soll. Ich weiß ja, dass ich meine bisherige nicht aufgeben muss. Kreuze ich Nein an und nenne als Grund, dass ich nicht muss, oder wähle ich Ja, weil ich ja eh nicht muss?“

    – „Hmm, also das weiß ich jetzt auch nicht sooo genau.“
    – „Wissen Sie was? Ich kreuze einfach Ja an“

    Ich mache mein Kreuz.

    – „Ich habe noch ein paar Fragen: Reichen meine letzten Gehaltszettel, mein Arbeitsvertrag und mein letzter Steuerbescheid als Gehaltsnachweis? Ich habe nämlich keine Arbeitgeberbescheinigung zur Hand. Und muss ich wirklich meine Geburtsurkunde einschicken? Ich habe sie nämlich nicht zur Hand. Kann sie zwar holen, aber jetzt im Moment habe ich sie eben nicht da. Die Anweisungen auf dem Merkblatt sind auch etwas undeutlich formuliert und ich bin nicht sicher, ob ich nun eine brauche oder nicht.“

    – „Hmmmm….  das kann ich Ihnen jetzt auch nicht genau sagen. Ich kann Ihnen aber eine Nummer vom Landratsamt in Böblingen geben, dann können Sie dort nachfragen. Ich kann es auch kurz versuchen, aber ich fürchte, die sind noch nicht erreichbar. Wo haben Sie das denn gelesen?“
    – „Ich habe da so ein Merkblatt, auf dem alles genau draufsteht. Leider habe ich es jetzt nicht dabei, aber auf der Website des Landratsamtes können Sie es runterladen.“

    Noch während ich spreche, dreht sie sich in Richtung Bildschirm und fängt an zu tippen.

    – „Aaah, da ist es ja.“

    Sie blättert wie verrückt durch das PDF Dokument und das bekannte mh-hm ist wieder da. Ich hätte wirklich vorher frühstücken sollen.

    – „Ok, hier steht es. Aber so richtig schlau werde ich auch nicht daraus. Wir können die Unterlagen auch erstmal weglassen. Die werden sich dann schon melden, wenn etwas fehlt.“

    Ich bin nicht begeistert und schlage vor, dass ich dann doch schaue, dass ich alles auftreibe. Als ich frage, wie lange Sie denn heute noch da ist, wird sie nervös. Als ob ich mit meinem Anliegen ihren Feierabend gefährden könnte.

    „Heute bis um 12.00 Uhr nur“

    Noch bevor ich etwas sagen kann, ruft Sie in Böblingen an, erreicht aber um 7:28 Uhr noch niemanden.

    – „Ich kümmere mich um die Unterlagen und komme nachher wieder, vor 12:00 Uhr, damit wir alles zusammen abschicken können, ok?“

    – „Okay, Herr Biasssi. So machen wir es. Sie können bis dahin den Antrag mit den Unterlagen hier bei mir lassen. Was ich hier gerade in dem PDF noch lese: Wie läuft das denn mit den Gebühren? Stellen die die Ihnen dann in Rechnung?“

    Verwirrt starre ich die Frau an. Mein Gehirn muss neugestartet haben, weil ich erst nach 4 Sekunden etwas sagen konnte.

    – „I.. Ic.. Ich hab‘ keine Ahnung. Ich dachte eigentlich, dass Sie mir das sagen…“
    „Naja, ich kenn mich da nicht sooo gut aus. Die werden sich dann schon melden!“

    Ich stehe auf, verabschiede mich höflich und verschwinde. Immer noch etwas verstört, ertappe ich mich dabei, wie ich beim hinauslaufen nach einer Kamera in der Ecke suche und mich frage, ob ich wohl neben Guido Cantz, Cherno Jobatey oder Frank Elstner am besten aussehen würde…

    Foto: Hiro Protagonist

     

Kommentar hinterlassen